Silvesterpredigt Friedensrede Navid Kermani

Silv15kurz

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Predigt 3.1.2016

2.StgW2016

Weihnachtspredigt 2015

Evg: Lk 2,1-14, Joh 1,9-13

Der Titel eines Buches hat sich heuer im Advent in mir eingeprägt: „Niemandes Kind“. Von der Osttiroler Schriftstellerin Fanny Wibmer-Pedit. Schauplatz ist in vergangenen Zeiten der hochgelegene Preßlab-Hof in Matrei i. O…  Die Bauersleute, Nikel und Agnes, die den Hof bewirtschaften, ziehen sechs Kinder auf. Eines davon ist Hilprant. Bei einem Besuch merken die Erwachsenen nicht, dass er im Zimmer ist. Da hört der Bub seinen vermeintlichen Vater sagen: „Hilprant: Der ist nicht unsriger, ist eigentlich niemandes Kind.“ Vom Donner gerührt. Aus Entsetzen darüber rennt er raus durch die Tür und weint bitterlich. Seit diesem Erlebnis will er nur vor allem eines wissen, wer seine wirklichen Eltern sind.

Hilprant wächst zu einem tüchtigen Burschen und Knecht heran. Neben einem jungen Mädchen verliebt sich auch seine Stiefschwester Irmi in ihn. Sie weiß um seine Herkunft, hat aber ihrer Mutter versprochen, niemandem davon zu erzählen. Auf langes, intensives Drängen Hilprants hin, verrät sie es ihm schließlich aber doch. Bald hält Hilprant auch die aufkeimende Liebe nicht mehr auf dem Preßlab-Hof. Er macht sich auf die abenteuerliche Suche nach seinen Eltern im oberitalienischen Raum um dort sein Lebensrätsel lösen zu können.

„Niemandes Kind“ zu sein, die Eltern nicht zu kennen, oder sie früh verloren zu haben, oder keine gute Beziehung zu ihnen zu haben: das ist für uns Menschen auf Dauer kaum auszuhalten: wir suchen unsere Herkunft, unsere Heimat, den Kontakt dazu, die Umarmung! Nicht nur die Flüchtlinge in der Fremde, 60 Mio. weltweit, 2 Mio. allein im Libanon, … Auch wir fühlen uns trotz Eltern manchmal ausgesetzt fremd, so wie es in einem Spiritual heißt: „Sometimes I feel like a motherless child – al long way from home!“. In dieser Erfahrung ist uns das Kind in der Krippe so nahe. Jesus ist in der Fremde zur Welt gekommen, fern von Nazareth, in Bethlehem, nicht in einem Daheim, sondern einem Stall. Dann auf der Flucht nach Ägypten, ein Flüchtling, Asylsuchender, eins mit dem Schicksal aller Flüchtlinge und Asylsuchende, eins auch mit unserer Heimatlosigkeit.

Aber dieses Kind in der Krippe und Fremde ist gleichzeitig so geborgen: einmal bei seiner Mutter Maria und seinem sozialen Vater Josef. Und die anwesenden Engel, der offene Himmel auf den Feldern von Bethlehem, über den Hirten und über dem Stall zeigen: dieses Kind Jesus hat seine tiefste innige Heimat in Gott selbst, der ihm ganz der liebende Vater ist. Und er ganz Sein vertrauensvoller Sohn. Sohn Gottes. Welche Ansage von Heimat.

„Advent und Weihnachten sind/ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unseren dunklen Erdenweg ein Schein aus unserer Heimat fällt.“ Bodelschwingh

Diese Heimat, die väterlich-mütterliche Beziehung Gottes zu uns, ist das Weihnachtsgeschenk Jesu an uns! Da hinein lädt er uns ein. Im Weihnachtsevangelium nach Johannes hören wir: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Macht, und ich ergänze, die Freiheit und Würde, Söhne und Töchter Gottes zu werden, allen, die auf ihn vertrauen, die so auch aus Gott geboren sind“. Das Kind Jesus sagt uns: Gott will dir und dir, allen Menschen Vater sein. Hab´ Mut, vertrau dich ihm von Herzen an, sag ihm in deinem Inneren, „Und ich will dir gerne Sohn oder Tochter sein, auch wenn es mir etwas fremdartig erscheint! Du musst es mich halt spüren und erfahren lassen, wie das ist und was es heißt!“

Ich wünsche stärker als alle Erfahrungen „niemandes Kind zu sein“ – jedem persönlich familiäre Weihnachten mit Eltern, Geschwistern, Enkeln – und auch alleine mit Gott, dem Vater.

Und ich wünsche dieses heimatstiftende Weihnachten jedem gemeinsam mit allen Menschen – universell mit allen Geschöpfen.

Etwas von dieser universellen Verbundenheit war spürbar, als vor zwei Samstagen in Paris 196 Staaten der Welt beim Weltklimagipfel ein gemeinsames Abkommen gelungen ist. Papst Franziskus hatte dafür im Mai seine Enzyklika Laudato sii – über die gemeinsame Sorge für das gemeinsame Haus geschrieben. Er hat mit Jesus und Franziskus angeknüpft beim tiefen Wissen um und Glauben an die eine Menschheitsfamilie in Gott, ja um die tiefe Verbundenheit und Würde aller Geschöpfe von Gott her und auf ihn hin! Vor dieser Erfahrung wirkt es so beschämend, wenn wir in Tirol anfangen über Obergrenzen für Flüchtlinge zu diskutieren, bevor wir nicht einmal die Untergrenze der Aufnahme erreicht haben. Diese heimatstiftende Kraft ist für mich heuer so stark spürbar in Leisach, wo so viele Menschen dafür gearbeitet haben, dass zwei Flüchtlingsfamilien Herberge gefunden haben im Pfarrhaus, – war spürbar überall wo Flüchtlinge in ehrenamtlichen Deutschkursen, bei Weihnachtsfeiern, Einladungen, und durch viele Spender wie z. B. bei Bruder und Schwester in Not, … erfahren können, dass wir eine Menschheitsfamilie sind. Danke allen! Gesegnetes Weihnachten ganz persönlich und universell als Gottes geliebte Töchter und Söhne. Amen!

Bernhard Kranebitter, Pfr.

Allerheiligenpredigt 2015

Allerheiligen 01.11.2015

Predigt:

Zum Fest Allerheiligen passt es, wenn wir uns die Frage stellen: „Können wir noch heilig werden?“    Wir alle 50+: Können wir noch heilig werden, wenn es uns bisher schon in über der Hälfte unserer Lebensjahre noch nicht so recht gelungen ist? Oder könnte es uns gerade noch gelingen, weil wir merken: so viel Zeit haben wir gar nicht mehr dafür?

Könnt ihr noch heilig werden, ihr Jüngeren? Oder am ehesten noch ihr Ministranten: ihr seid jung: Ihr könnt doch noch Heilige werden? Oder?

Karl Rahner, Jesuit Theologieprofessor hat diese Frage 15 Jahre nach seiner Priesterweihe bei einem Vortrag seinen Weihekollegen gestellt. Seine Antwort damals darauf: „Wir sind nicht heilig geworden.“ Und seine Begründung. „Nicht weil wir keine Wunder gewirkt und keine Völker bekehrt und den unerbittlichen Strom der Geschichte der Welt nicht in ein anderes Bett geleitet haben.“ – Und Wir: „Nicht weil wir so wenig Frieden gestiftet haben und zu wenig Notleidenden geholfen haben.“

Wir sind nicht heilig geworden, meint Rahner, „weil wir Gott nicht geliebt haben, wie es ihm gebührt, aus ganzem Herzen und aus allen Kräften. Man kann doch darauf nicht verzichten, man kann doch hierin nicht bescheiden sein.“

Wir, die wir nicht heilig geworden sind, sind tatsächlich zu „bescheiden“. Zu bescheiden in der Liebe zu unserem Gott. Das habe ich mir jetzt gedacht, als ich einen Bericht über die heurige Shell-Jugendstudie gelesen habe. Sie hat erhoben, dass für den durchschnittlichen Jugendliche zwischen 12 und 25 im Deutschsprachigen Raum die Wichtigkeit des Glaubens an Gott für die eigene Lebensführung seit langer Zeit weiter abnimmt. – Das gilt allen Untersuchungen nach auch für die Erwachsenen. – Auch die Zahl der Jugendlichen, die täglich oder zumindest einmal in der Woche beten ist auf 20 Prozent zurückgegangen. Im Vergleich dazu die muslimischen Jugendlichen: Die angeben täglich oder mindestens einmal in der Woche zu beten machen bei ihnen 50% aus, prozentuell 2 ½ mal so viel wie die mehrheitlich christlichen. Wenn wir im noch mehrheitliche christlichen Europa prozentuell nur 40% so oft beten wie die Muslime in Europa: heißt das dann wahrscheinlich, dass wir im Beten und in der Liebe zu Gott schon sehr bescheiden geworden sind, selten lebendig eintauchen in den Heiligen Gott.

Dazu wird auch eine zweite Frage in diesen Tagen so spannend. In einem Gedicht von Maria Luise Kaschnitz wird sie der Dichterin so gestellt: „Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode?“ Da geht es uns ganz unterschiedlich an den Gräbern unserer lieben und schwierigen Angehörigen. Maria Luise Kaschnitz:

Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber

Aussehen sollte

Dort/

Ich wusste nur eines/ Keine Hierarchie/ Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend/ Kein Niedersturz/ Verdammter Seelen/Nur/

Nur Liebe frei geworden

Niemals aufgezehrte

Mich überflutende/

… Liebkosung schöne Bewegung

… Komm du komm

… Und deine Hand

Wieder in meiner

… Deine Stimme empfängt mich

Entlässt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die

Frager

Erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Und ich antworte weniger nicht.

(M.L. Kaschnitz)

Bernhard Kranebitter, Pfr.

Familiensynode und Kommunionempfang

Familiensynode und Kommunionempfang

Die Familiensynode wünscht eine „vollere Teilnahme am Leben der Kirche“ von geschieden-wiederverheirateten Paaren (Art. 84 – 86). Sie lädt diese Paare ein, sich in ihrem Gewissen zu prüfen, wie sie die Verantwortung gegenüber dem Partner und den Kindern der kirchlichen Ehe wahrgenommen haben und wahrnehmen, und wie sie ihre Verantwortung in der neuen Partnerschaft und Familie in der Kraft des Glaubens übernehmen. Dieser Weg der „Unterscheidung“ soll in einem Gespräch von einem Seelsorger begleitet werden, für den die Integration des Paares und Gerechtigkeit im Einzelfall das Ziel ist.

Deshalb lade ich wie schon bisher alle Paare, die wieder zur Kommunion gehen möchten, herzlich ein, mit mir oder anderen Seelsorgern oder Seelsorgerinnen für ein Gespräch Kontakt aufzunehmen. Ebenso eingeladen sind Paare in anderen Situationen, wie zum Beispiel gleichgeschlechtlich liebende Menschen.

Ich danke allen, die zu solchen Wegen auch in unsere Pfarr-Familiensynode ermutigt haben. Papst Franziskus sagte bei der Schlussansprache: „Die Synode hat uns verstehen lassen, dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht die sind, die den Buchstaben, sondern die den Geist verteidigen; nicht die Ideen, sondern den Menschen; nicht die Formeln sondern die Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes und seines Verzeihens.“ Ich bin gespannt, wie der Papst mit dem Ergebnis der Synode umgehen wird.

Bernhard Kranebitter, Pfarrer

Predigt 30. Stg B Familiensynode II

  1. Sonntag B, 25.10.2015

Und Jesus fragte den blinden Bartimäus: „Was soll ich dir tun?“

Jesus fragt auch dich und mich: „Was soll ich dir tun?“ – was würde ich, was würdest du jetzt antworten?

Ich würde heute fast wie Bartimäus sagen: „Ich möchte besser sehen können!“ Die richtige Perspektive in meinem Sehen haben, wo ich nicht weiß, wie es weitergehen soll.

In den vergangene 3 Wochen haben viele gebetet, dass die Bischofssynode in Rom zu Ehe und Familie das Richtige sieht, die rechte Perspektive einnimmt.

Gestern Abend wurde der Schlussbericht veröffentlichet dem Papst zur entscheidenden Endredaktion übergeben.

In den Diskussionen der Synode hat der eine oder andere Perspektivenwechsel stattgefunden, hat auch so etwas wie die Heilung von kirchlichen Seh-schwächen und Sehstörungen begonnen.

War die offizielle kirchliche Lehre mit ihren Normen bisher in der Bewertung oft fixiert auf sexuelle Akte, wurde mehr die Perspektive auf die Qualität einer Beziehung gerichtet: dann hängt die Einschätzung nicht zuerst davon ab, ob junge und nicht verheiratet Paare, Geschieden Wiederverheiratete, homosexuell liebend Paare ihre Beziehung auch sexuell leben, sondern zuerst inwieweit sie in ihrer Beziehung Liebe, Ehrlichkeit, Verantwortung und Treue leben.

Hat man bisher mehr defizit-orientiert geschaut, was da sündhaft nicht dem Ideal der christlichen Ehe entspricht, hat man um eine Perspektive gerungen positiv anzuerkennen, welche christlichen Werte im Prozess einer liebenden Beziehung in ihrem Wachstum Stufe für Stufe auf die Ehe hin verwirklicht werden.

Papst Franziskus erinnert immer wieder daran, dass Sakramente nicht zuerst Belohnung für gutes Verhalten sind, sondern Heilmittel in unserer menschlichen Schwachheit und Verwundbarkeit.

So ist auch Jesus nicht zuerst der oberste Hüter der Moral ist, sondern der, der die in der Gesellschaft Ausgegrenzten wieder hereingeholt und gänzlich bis zur Tischgemeinschaft mit ihm und allen integriert hat.

Papst Franziskus hat vor einer Woche aufgezeigt, dass für die Kirche nicht zuerst der Papst das Wichtigste ist, sondern eine synodale, geschwisterliche Struktur auf allen Ebenen. Gegen die Meinung, dass das Befolgung von Regeln die Rettung brächte betonte der Papst, dass die zentrale wahre Lehre, an der man festhalten muss, die sei: die bedingungslos angebotene Liebe Gottes.

Ehe ist nicht zuerst eine äußere, institutionelle Verpflichtung, sondern der Ausdruck der innersten persönlichsten Selbstbestimmung der eigenen Freiheit und Liebe zu einer Lebensgemeinschaft ohne Widerruf.

Die Bischöfe aus Syrien haben durchaus gemeint, eure Probleme in Europa hätten wir gerne; wir suchen Perspektiven für die durch Flucht, Konflikte und Krieg getrennten christlichen Familien und aller Familien in unserem Land.

Der Schlusstext war gestern Abend nur in einer Arbeitsübersetzung zu lesen. Darin ist zwar nicht die von den deutschsprachigen Bischöfen eingebrachten Entschuldigungsbitte dafür enthalten, dass die Seelsorge durch „harte und unbarmherzige Haltung oft Leid gebracht habe … insbesondere über ledige Mütter und unehelich geborene Kinder, Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, homosexuell orientierte Menschen und Geschiedene und Wiederverheiratete.“

Der Text für den Papst spricht aber von einer „volleren Teilnahme der Geschieden Wiederverheiraten.“ Das erste Mal schließt dieses Synodendokument den Empfang des Sakramentes der Versöhnung und der Eucharistie, also die Kommunion aus. Die Entscheidung darüber hat die Synode nicht selbst gefällt sondern dem seelsorglichen Gespräch eines Paares mit dem Priester überlassen. Die Synode gibt dafür hilfreiche Kriterien mit dem Blick auf die erste Ehe und auf die neue Partnerschaft und vertraut auf die Unterscheidungsgabe und das Gewissen der Gesprächspartner. Damit macht sie den Weg frei für den Weg für eine Zulassung zu den Sakramenten, wie er im pastoralen Gespräch in unserem Seelsorgeraum und in unserer Diözese schon seit einiger Zeit möglich ist.

Papst Franziskus hat auch angekündigt, dass es in Zukunft mehr Entscheidungen auf der kontinentalen Ebene von Bischofskonferenzen und Kulturkreisen brauchen werde.

Alt-Bischof Reinhold Stecher hat davon gesprochen, dass „Mutter Kirche“ eine alte Dame sei, und dass solche Damen sich nicht rasch zu bewegen pflegen. Bei der Familiensynode hat sich diese Dame gerade so weit bewegt, als es mindestens notwendig war. Dafür dürfen wir heute dankbar sein und wissen, dass es noch vieler Bewegung in der Kraft des Evangeliums braucht. Amen

Bernhard Kranebitter, Pfr.

 

30. Stg B, am 24.10.15, Predigt zur Bischofssynode

Predigt: (Heilung des blinden Bartimäus   Mk 10,46-52)

Und Jesus fragte den blinden Bartimäus: „Was soll ich dir tun?“

Jesus fragt auch dich und mich: „Was soll ich dir tun?“ – was würde ich, was würdest du jetzt antworten?

Ich würde heute fast wie Bartimäus sagen: „Ich möchte sehen können!“ Die richtige Perspektive in meinem Sehen haben, wo ich nicht weiß, wie es weitergehen soll.

In den vergangene 3 Wochen haben viele gebetet, dass die Bischofssynode in Rom zu Ehe und Familie das richtig sieht, die rechte Perspektive einnimmt.

Noch sind die Ergebnisse nicht bekannt. Über die 94 Punkte des Schlussberichtes wurde heute Nachmittag abgestimmt. Er wird heute Abend veröffentlichet und wurde dem Papst zur entscheidenden Endredaktion übergeben.

In den Diskussionen der Synode hat der eine oder andere Perspektivenwechsel stattgefunden, hat auch so etwas wie die Heilung von kirchlichen Sehstörungen begonnen.

War die offizielle kirchliche Lehre mit ihren Normen bisher in der Bewertung oft fixiert auf sexuelle Akte, wurde mehr die Perspektive auf die Qualität einer Beziehung gerichtet: dann hängt die Einschätzung nicht zuerst davon ab, ob junge und nicht verheiratet Paare, Geschieden Wiederverheiratete, homosexuell liebend Paare ihre Beziehung auch sexuell leben, sondern zuerst inwieweit sie in ihrer Beziehung Liebe, Ehrlichkeit, Verantwortung und Treue leben.

Hat man bisher mehr defizitorientiert geschaut, was da sündhaft nicht dem Ideal der christlichen Ehe entspricht, hat man um eine Perspektive gerungen positiv anzuerkennen, welche christlichen Werte im Prozess einer liebenden Beziehung in ihrem Wachstum Stufe für Stufe auf die Ehe hin verwirklicht werden.

Papst Franziskus erinnert immer wieder daran, dass Sakramente nicht zuerst Belohnung für gutes Verhalten sind, sondern Heilmittel in unserer menschlichen Verwundbarkeit.

So ist auch Jesus nicht zuerst der oberste Hüter der Moral ist, sondern der, der die in der Gesellschaft Ausgegrenzten wieder hereingeholt und gänzlich bis zu Tischgemeinschaft mit ihnen integriert hat.

Papst Franziskus hat vor einer Woche aufgezeigt, dass für die Kirche nicht zuerst der Papst das Wichtigste ist, sondern eine synodale, geschwisterliche Struktur auf allen Ebenen. Gegen die Meinung, dass das Befolgung von Regeln die Rettung brächte betonte der Papst, dass die zentrale wahre Lehre die sei: die bedingungslos angebotene Liebe Gottes.

Ehe ist nicht zuerst eine äußere, institutionelle Verpflichtung, sondern der Ausdruck der innersten persönlichsten Selbstbestimmung der eigenen Freiheit zu einer Lebensgemeinschaft ohne Widerruf.

Die Bischöfe aus Syrien haben durchaus gemeint, eure Probleme in Europa hätten wir gerne; wir suchen Perspektiven für die durch Flucht, Konflikte und Krieg getrennten christlichen Familien und aller Familien in unserem Land.

Die konkreten Ergebnisse der Synode sind noch nicht bekannt. Es wird wahrscheinlich nicht zu der von den Deutschsprachigen Bischöfen eingebrachten Entschuldigung kommen, dass die Seelsorge durch „harte und unbarmherzige Haltung oft Leid gebracht habe … insbesondere über ledige Mütter und unehelich geborene Kinder, Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, homosexuell orientierte Menschen und Geschiedene und Wiederverheiratete.“ Auf die Angesprochenen heilsamen Perspektivenwechsel gab es während der Synode auch starke Widerstände anderen Sichtweisen. Wir beten und bitten weiter: Herr, lass die Ergebnisse der Synode kirchliche Sehschwächen und Sehstörungen überwinden. Gib die richtigen praktischen, evangeliumsgemäßen Öffnungen auch offiziell beim Empfang der Sakramente, dass sie nicht nur parktisch in unseren Gemeinden gelebt wird.

Für uns ist es immer heilsam im Gottesdienst, im Blick auf das Evangelium und im Beten zu versuchen mit Gottes liebevollen Augen zu sehen. Er, der in allen wohnt, schaut auch mit den Augen aller Menschen auf dieses Leben. So heile er uns von Sehschwäche, Sehstörungen, von den falschen Sichtweisen und Perspektiven! Amen

Bernhard Kranebitter, Pfr.

„Kirche hört zu“ – Was Liebende ihr zu sagen haben. Eine Pfarr-Familiensynode.

Eine Pfarr-Familiensynode in der Langen Nacht der Kirchen, am 29.05.2015

BriefandieRömerBischofManfred_Min

Zusammenfassung der Stellungnahmen und deren Übergabe als „Brief an die Römer“ für die Welt-Familiensynode im Herbst an Bischof Dr. Manfred Scheuer.

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Predigt zu Michaeli: Patrozinium in Leisach

Michaeli – Patrozinium in Leisach, am 27.09.2015

Lsg: Gen 16, 1- Auswahl

Predigt:

Wir kennen den Erzengel Michael mit der Waage in der Hand. Ein kleiner Mensch, sinnbildlich für die Seele eines Verstorbenen, auf der Waagschale; so ist der Hl. Michael als den Seelenwäger“ beim Jüngsten Gericht dargestellt. Unbestechlich stellt er aber auch schon jetzt fest: was wiegt meine Seele, mein Leben vor angesichts der gekreuzigten und auferstandene Liebe Gottes, Jesus Christus? Hat sie genügend Gewicht oder wird sie vor dem Evangelium als zu leicht empfunden?

Dazu ist der Hl. Michael auch der Seelengeleiter“. Er ist ausgesandt, damit die seelenlosen Kriegstreiber wieder ihre Seele fänden, dass er ihre Seele, ihr Herz befreie von der tödlichen Besessenheit durch von Lüge und Gewalt. In Syrien, Saudi Arabien, …

Er ist Gesandter, dass ich selber wieder meine Seele finden indem ich den rechten Weg vor Gott gehe, bei diesem Gottesdienst, der Prozession.

Der Hl. Michael erweist sich auch rettender Schutzengel:

Abrahams Frau Sara bleibt kinderlos. Sie will ihrem Mann einen Sohn und Erben durch ihre Magd Hagar schenken. Sobald sie schwanger ist, fühlt sich Hagar Sara überlegen und Sara behandelte Sara Hagar so hart, dass Hagar davonläuft in die Wüste und sich dort den Tod wünscht. Da erscheint der Engel des Herrn, in der Tradition des Judentums, Christentums und des Islam, der Erzengel Michael, Hagar: „Du bist schwanger, du wirst einen Sohn gebären und ihn Ismael (das heißt: Gott hört) nennen; denn der Herr hat auf dich gehört in deinem Leid. Michael zeigt Hagar eine Quelle zur Rettung ihres und ihres Sohnes Lebens. Deshalb nannte Hagar den Brunnen Beer-Lahai-Roi (Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut). Und sie sagte: Habe ich hier nicht nach dem geschaut, der nach mir schaut?

Das Volk Israels weiß sich als gesegnete Nachfahren von Abraham, in der Linie Sara und Isaak. Die Arabischen Völker verstehen sich – später im Islam auch von der biblischen Tradition her – als die gesegneten Nachfahren Abrahams in der zweiten Linie Hagars und Ismaels. Gott schützt durch den Hl. Michael die konkurrierende Mutter Hagar und ihren Sohn. Damals und heute segnet und schützt Gott die „Halbbrüder und Halbschwestern“ Juden, Christen und Muslime in ihrer gemeinsamen Wurzel, Unterschiedlichkeit, friedlichen und kriegerischem Miteinander.

Sonntag der Völker:

Hl. Michael: Zeichen der stärkeren Macht des guten Gottes gegen die Realität der satanischer Mächte: er steht im Kampf mit dem Drachen, den bösen Mächten, die Menschen hassen lassen, verachten lassen, töten lassen, vertreiben in die Flucht schlagen.

Hl. Michel sagt: ich bin stärker, mit euch überwinde ich die Mächte des Gegeneinanders, lass siegen Achtung und Respekt, ich schaue auf euch, schützend: schaut ihr aufeinander, schützend!

St. Michael unser Pfarrpatron ist auch der Patron der flüchtenden Hagar, heute der flüchtenden Muslime und Christen aus dem Nahen Osten. Ich bitte ihn, dass er uns in Leisach in Tirol, Europa zeigt, wie wir am besten auf Flüchtlinge schauen können, damit auch Gott weiter auf uns schaut. Als einer, der unsere Seelen wiegt, der unsere Seelen geleitet, damit wir als Dorf und Pfarre und Land eine Seele haben, weil wir Mitarbeiter des Schutzengels aller Menschen und der Flüchtenden sind.

Bernhard Kranebitter, Pfarrer

 

Fronleichnam 04.06.2015, Predigt

Fronleichnam 4.6.2015
Bei der derzeitigen Ausstellung von Sterbebildern im Pfarrsaal in Leisach ist das freundliche Gesicht eines Mannes zu sehen, der 1930 auf die Welt gekommen ist. Aufgrund von Mangelernährung hatte er Rachitis und nur einen kleinen verkrümmten Leib.
Er war für die Nationalsozialistischen Rassenhygieniker lebensunwertes Leben und zu vernichten. Mehrmals wurde versucht ihn ins KZ abzutransportieren. Die Großmutter war Gott sei Dank nicht auf den Mund gefallen und sie hatten den Kleinen sehr ins Herz geschlossen. Sie stellte sich allen in den Weg und herrschte sie an „Wenn ihr meinen Lois mitnehmt, dann müsst ihr mich auch mitnehmen!“ Der bleibt also hier!“ So hat sie ihren Enkel den Zusammenbruch des Nationalsozialismus 55 Jahre überlebt.
Das Gegenteil von solchem mutigen „Das-Leben-Behüten“ haben wir in der Lesung gehört: Wo ist dein Bruder Abel?, fragt Gott den Kain, der seinen Bruder ermordet hat. Und Kain entgegnet Gott: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“
Es kann auch tödlich sein, wenn außenstehende Dritte in einem Konflikt achselzuckend sagen: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Vor 70 Jahren hat der britische Außenminister Eden zu Widerständen gegen die geplanten Auslieferung der Kosaken an die Sowjetunion vor dem Unterhaus gesagt: „Wir können es uns nicht leisten, sentimental zu sein, es geht uns nichts an, was Stalin mit ihnen macht.“ Das ist Sache der Russen, das geht uns nichts an: Bin ich der Hüter meines Bruders? Das war tödlich für zigtausende von Kosaken, beginnend hier vor unsere Haustür an der Drau.
70 Jahre nach diesen Ereignissen sind wir Gott sei Dank nicht direkt Beteiligte an den Bruderkriegen in Afghanistan, Syrien, Somalia, im Irak. Aber wir merken: wenn wir achselzuckend sagen: Sind wir denn Hüter dieser Menschen? Dann liefern wir sie den tödlichen Wellen des Mittelmeers und Gewalttaten aus, wenn wir sie nicht als Nachbarn, als Brüder und Schwestern in Not sehen können und nicht aufnehmen.
Die jüdische Dichterin Hilde Domin, die im Krieg vor den Nazis geflohen ist, schreibt nach all den Schrecken ein Gedicht mit dem Titel „Abel steh auf.“ Da heißt es:

Abel steh auf
wenn du nur aufstehst und es rückgängig machst die erste falsche Antwort
Auf die einzige Frage auf die es ankommt
….steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein
Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder

Die 25.000 Kosaken damals waren ungefähr 200 mal so viele Flüchtlinge, wie wir heute bei uns Asylsuchende haben. Und unser Wohlstand ist ein vielfacher im Vergleich von damals nach dem Krieg. Wir haben die Möglichkeit zu sagen: „Ich bin dein Hüter, Bruder.“
Dazu ruft uns und stärkt uns der, der als der gute Hirte und der gute Hüter gekommen ist: Bevor er von allen verlassen und ausgeliefert wurde, hat er sich für immer uns geschenkt als Nahrung in Brot und Wein. Als sein Testament. Er sagt: tut dies zu meinem Andenken, zum Andenken an mich euren Hirten und Hüter. Sagt dies zu meinem Andenken, in meiner Nachfolge: „Ja, ich bin hier, ich, dein Bruder“ – und tut es zu meinem Andenken. Amen.

Bernhard Kranebitter, Pfarrer