Fronleichnam, 26.05.2016 – Das Mahl der Völker

Evg: Lk 9,11b-17 Brotvermehrung   Lsg: Jes 25,6-10a Festmahl der Völker

 

Von Heinrich Spaemann stammt der Satz: „Was wir im Auge haben, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“

Die Apostel schauen auf die enorme Menschenmenge, etwa 7 mal so viele Leute als wir hier am Lienzer Hauptplatz sind. Sie haben einen Tag der faszinierenden Predigt Jesu in diesem wüstenartigen Gebiet nord-östlich des Sees Genesareth, heute syrische Gebiet, unweit der israelischen Grenze, zugehört. Die Jünger, vernünftig, sagen, Jesus solle die Leute nun gehen lassen, dass sie noch Unterkunft und Essen finden könnten. Jesus antwortet: „Gebt ihr ihnen zu essen“. Die Jünger:  „Schau, wir haben nicht mehr als 5 Brote und zwei Fische. Es reicht nicht!

Am Ende des Evangeliums erfahren wir aber, es hat gereicht: „alle aßen und wurden satt!“ Zwölf Körbe mit Brot blieben übrig. „Guite gewesen, genui und no mitebekeimen,“ hätte ein anwesender Osttiroler Oberländer gesagt.

Jesus kommt mit den Leuten woanders hin, weil er nicht beim Blick aufs Defizit bleibt.

Jesus, der selber nichts hat, nimmt das Wenige, das seine Jünger haben, geradezu lächerlich wenig angesichts der hungrigen Volksmenge, nimmt die 5 Brote, blickte zum Himmel auf,

Er stellte Einvernehmen mit dem Vater her … erinnert sich an die Rettung des Volkes Israel mit Mose in der Wüste Sinai durch das Geschenk des Manna-Brotes durch Gott. Mit dem Propheten Jesaja blickt er innerlich die Bilder der Vollendung der Geschichte durch Jahwe, der einmal allen Völkern ein Fest-Mahl bereiten will, mit den feinsten Speisen und den erlesensten Weinen, …

Jesus segnet die 5 Brote, damit Gott jetzt schon die Fülle wirkt, in der Mitte der Geschichte

Und dann brach er die fünf Brote, gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten… Jesus hat das scheinbar Zu-Wenige nicht ängstlich zurückgehalten und reserviert.

Und alle aßen und wurden satt. „Jesus schaut über das Defizit hinaus auf die Fülle Gottes. Es kommt, worauf er bittend und lobend schaut: die Fülle, die für mehr als alle reicht.

Auch wenn solche Wunder dem Messias Jesus Christus vorbehalten waren:

Alltagswunder geschehen, wenn auch wir mit dem Wenigen aufschauen zum Himmel.

Im persönlichen Bereich: Manchmal glaubt man am Morgen eines Tages zu sehen: Heute reicht nicht meine Zeit, meine Liebe, mein Geld, meine Kreativität. Die Versuchung ist da, aus Angst sich zu verschließen. Dann das Wenige nehmen, dem Himmel anvertrauen, aufblicken zur Fülle des Lebens, der wirkt, bis die Angst der Hoffnung weicht, das Herz sich auftut, … dann können wir erleben, dass es doch reicht für den Tag: alltägliche wunderbare Zeit-, Geduld-vermehrung …

Es ist gut, sich von Gott ent-ängstigen zu lassen, dass es nicht reichen könne … auch

im gesellschaftlichen Bereich:

Wer nach den beiden Weltkriegen nur auf die Trümmer geschaut hat, der hat nach Auschwitz leicht den Glauben an Gott und den Menschen verloren. Die Gründerväter der EU, Konrad Adenauer, Robert Schumann, Jean Monnet, … haben nicht zuletzt aufgrund ihres christlichen Glaubens trotzdem auf Vertrauen und auf einen Frieden in Gerechtigkeit gesetzt: mit dem Blick auf die eine Zukunftsvision Gottes für den Frieden aller Völkern – in einer Völkergemeinschaft! Wir in Europa sind dorthin gekommen, wohin diese Gründer geschaut haben und dafür alles investiert haben. Seit 70 Jahren dürfen wir in diesem aus der Asche des Krieges erstandene Friedensprojekt leben.

Für die Herausforderungen heute heißt das für mich: mit dem ängstlich engherzigen Defizit- und Lastenblick auf Flüchtlinge, verschließen und verhärten wir uns, unser Land und unseren Glauben. Wenn wir hingegen unseren Blick richten auf die Gesichter der Menschen aus den Kriegs- und Notgebieten, wir sehen, dass sie die selben Sehnsüchte, aber noch größere Ängste um ihre Familien bewegen wie uns, wenn wir blicken auf die Vision unsere Gottes, Vater unser und Vater der ganzen Menschheitsfamilie, wenn wir darauf schauen, welche Bereicherung Asylwerber mit ihren Talenten für unsere Gesellschaft sein können:  dann verwandeln wir uns in diese offene, menschliche und heimatgebende Gesellschaft und Kirche, die wir in beträchtlichem Maß schon sind und an der so viele Menschen teilnehmen möchten.

Ein Bild dafür soll die Agape der Völker nach der Prozession sein. Nehmt und teilt dann Brot für alle aus 5 Körben, die gemeinsam getragen werden von Bewohnern von Lienz aus Tirol, Irak, Syrien, Libanon, Iran, Afghanistan, Bangladesch und dem Sudan.

Nun sind wir Gäste an Seinem Tisch, er schenkt sich uns im Brot, gebrochen und ausgeteilt für alle. – Dann dürfen wir Jesus im eucharistischen Brot durch unsere Stadt tragen, auf ihn schauen und ihm alles hinhalten an Freud und Leid: Dann kommen wir, wohin wir mit Gott schauen. Wir dürfen Seine Liebe im Auge haben, damit wir zu ihr hin verwandelt werden. Amen.

Bernhard Kranebitter

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Die Frau an Gottes Seite

Dreifaltigkeitssonntag, 22.5.2018
Einleitung: Gott, „einer, worüber hinaus nichts Größeres/Vollkommeneres gedacht werden kann.“ („quo nihil maius cogitari potest“) Gott ist größer als gedacht werden kann (… Anselm von Canterbury/Proslogion 1033 -1109 – ontologischer Gottesbeweis)
Predigt:
In der Sixtinischen Kapelle hat Michelangelo die weltberühmte Erschaffung Adams gemalt: mit einer spannungsreichen Beinahe-Berührung des Zeigefingers des rechten Armes Gottes, des Vaters, des Schöpfers mit dem Zeigefinger des linken Armes Adams. Der wenig beachteten linken Arm des Schöpfers legt sich dabei kraftvoll zärtlich um eine junge Frau, die mit ihm zu Adam schaut! Eine spannende Frage, wer ist diese Assistentin Gottes bei der Schöpfung? Am wahrscheinlichsten ist es, dass Michelangelo damit die wenig bekannte Schöpfungserzählung aus dem Buch der Sprüche von heute ins Bild gebracht hat. „Ich, die Weisheit, weiblich, wurde vor aller Zeit gebildet, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde. … Ich war dabei, als Gott den Himmel erstellte … als er die Grundfesten der Erde umriss, da war ich der Liebling an seiner Seite, war Tag für Tag seine Freude.“
Die Weisheit, mit griechischem Namen „Sophia“, die geliebte Freundin Gottes. Eine liebevolle Beziehung im Urbeginn der Zeiten. Ein männlicher Schöpfer, der bei all seinem Tun die weibliche Weisheit an seiner Seite hat. Eine Schöpfung, die aus der Liebe dieser beiden erwächst und von ihr beseelt wird. Ein schönes Bild! Die Frau an Gottes Seite: was für eine biblische Denkerweiterung für die kirchliche Auslegung der schöpferischen Würde des Weiblichen in Gott und in der Frau von Anbeginn.
Viele Theologen identifizieren diese alttestamentliche weibliche Weisheit mit der weiblichen ruach = Geistatem – in der Bibel. Im Hebräischen heißt es weiblich „die Geistin“ im Griechischen sächlich „das Geist“, im Deutschen wird es dann „der Geist“. Damit das Weibliche in Gott sprachlich nicht verloren geht, müsste man im Deutschen mit Blick auf die hebräische Bibel sagen: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und der Hl. Geistin! Amen.
Wenn Gott die Fülle des Lebens ist, ist klar, dass in ihm auch die Fülle des Weiblichen ist. Vergangene Woche hat Papst Franziskus nach dem Gespräch mit 900 Ordensoberinnen aus aller Welt die Einsetzung einer Kommission über die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt bekanntgegeben. Seit langer Zeit ist Frauen jedes Weiheamt verwehrt, obwohl es in der kath. Kirche bist ins 13 Jhdt. eine noch zu wenig erforschte Form des Amtes der Diakonin gegeben hat. Denn es ist ja wirklich nicht zu verstehen, weshalb das, was in Gott einen liebevollen, schöpferischen Platz hat, keinen Platz haben sollte im Weihe-Amt der Kirche. Die Frau an der Seite Gottes, die Weisheit, die Heilige Geistin: glaubt jemand, dass Sie und ER uns und die Kirche davon abrät?
Papst Franziskus schreibt in „Amoris Laetitia“/“Die Freude des Liebens“ über das Wirken der dreieinigen Liebe Gottes in Beziehung, Ehe und Familie. Die Dreieinigkeit Gottes ist Gemeinschaft, ist liebevolle Vereinigung und wie eine immer überfließende Quelle, die uns Menschen innerlich speist und besonders unsere Familien in ihren unterschiedlichen Ausformungen. Die Familie nimmt die dreieinige Liebe Gottes in ihrem Innenleben auf in der Liebe von Mann und Frau, der Ehepartner, nimmt das Leben Gottes auf und gibt es weiter, indem sie Kinder zeugt annimmt und großzieht. Gleichzeitig nimmt die Familie das Leben Gottes in ihrem Leben nach außen hin an, indem sie sich öffnet, aus sich herausgeht. Das geschieht besonders wenn sie in der Gastfreundschaft andere aufnimmt und zu den Armen, Verlassenen und Fremden hinausgeht und sie annimmt. Die gegenseitige und die soziale Liebe der Familie ist ein Gleichnis für die der Dreifaltigkeit. Die Familie lebt ihr Christsein, indem sie zugleich Hauskirche und eine lebendige Zelle für die Gestaltung und Verwandlung der Gesellschaft und der Kirche is.t
Wir dürfen den Satz von Paulus in seinem Römerbrief glauben: Die Liebe Gottes des Vaters ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Hl. Geist, der uns gegeben ist, durch die Hl. Geistin, die uns gegeben ist. – Diesen unseren Glauben dürfen wir bekennen: …
Bernhard Kranebitter, Pfr.

Silvesterpredigt Friedensrede Navid Kermani

Silv15kurz

Predigt 3.1.2016

2.StgW2016

Weihnachtspredigt 2015

Evg: Lk 2,1-14, Joh 1,9-13

Der Titel eines Buches hat sich heuer im Advent in mir eingeprägt: „Niemandes Kind“. Von der Osttiroler Schriftstellerin Fanny Wibmer-Pedit. Schauplatz ist in vergangenen Zeiten der hochgelegene Preßlab-Hof in Matrei i. O…  Die Bauersleute, Nikel und Agnes, die den Hof bewirtschaften, ziehen sechs Kinder auf. Eines davon ist Hilprant. Bei einem Besuch merken die Erwachsenen nicht, dass er im Zimmer ist. Da hört der Bub seinen vermeintlichen Vater sagen: „Hilprant: Der ist nicht unsriger, ist eigentlich niemandes Kind.“ Vom Donner gerührt. Aus Entsetzen darüber rennt er raus durch die Tür und weint bitterlich. Seit diesem Erlebnis will er nur vor allem eines wissen, wer seine wirklichen Eltern sind.

Hilprant wächst zu einem tüchtigen Burschen und Knecht heran. Neben einem jungen Mädchen verliebt sich auch seine Stiefschwester Irmi in ihn. Sie weiß um seine Herkunft, hat aber ihrer Mutter versprochen, niemandem davon zu erzählen. Auf langes, intensives Drängen Hilprants hin, verrät sie es ihm schließlich aber doch. Bald hält Hilprant auch die aufkeimende Liebe nicht mehr auf dem Preßlab-Hof. Er macht sich auf die abenteuerliche Suche nach seinen Eltern im oberitalienischen Raum um dort sein Lebensrätsel lösen zu können.

„Niemandes Kind“ zu sein, die Eltern nicht zu kennen, oder sie früh verloren zu haben, oder keine gute Beziehung zu ihnen zu haben: das ist für uns Menschen auf Dauer kaum auszuhalten: wir suchen unsere Herkunft, unsere Heimat, den Kontakt dazu, die Umarmung! Nicht nur die Flüchtlinge in der Fremde, 60 Mio. weltweit, 2 Mio. allein im Libanon, … Auch wir fühlen uns trotz Eltern manchmal ausgesetzt fremd, so wie es in einem Spiritual heißt: „Sometimes I feel like a motherless child – al long way from home!“. In dieser Erfahrung ist uns das Kind in der Krippe so nahe. Jesus ist in der Fremde zur Welt gekommen, fern von Nazareth, in Bethlehem, nicht in einem Daheim, sondern einem Stall. Dann auf der Flucht nach Ägypten, ein Flüchtling, Asylsuchender, eins mit dem Schicksal aller Flüchtlinge und Asylsuchende, eins auch mit unserer Heimatlosigkeit.

Aber dieses Kind in der Krippe und Fremde ist gleichzeitig so geborgen: einmal bei seiner Mutter Maria und seinem sozialen Vater Josef. Und die anwesenden Engel, der offene Himmel auf den Feldern von Bethlehem, über den Hirten und über dem Stall zeigen: dieses Kind Jesus hat seine tiefste innige Heimat in Gott selbst, der ihm ganz der liebende Vater ist. Und er ganz Sein vertrauensvoller Sohn. Sohn Gottes. Welche Ansage von Heimat.

„Advent und Weihnachten sind/ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unseren dunklen Erdenweg ein Schein aus unserer Heimat fällt.“ Bodelschwingh

Diese Heimat, die väterlich-mütterliche Beziehung Gottes zu uns, ist das Weihnachtsgeschenk Jesu an uns! Da hinein lädt er uns ein. Im Weihnachtsevangelium nach Johannes hören wir: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Macht, und ich ergänze, die Freiheit und Würde, Söhne und Töchter Gottes zu werden, allen, die auf ihn vertrauen, die so auch aus Gott geboren sind“. Das Kind Jesus sagt uns: Gott will dir und dir, allen Menschen Vater sein. Hab´ Mut, vertrau dich ihm von Herzen an, sag ihm in deinem Inneren, „Und ich will dir gerne Sohn oder Tochter sein, auch wenn es mir etwas fremdartig erscheint! Du musst es mich halt spüren und erfahren lassen, wie das ist und was es heißt!“

Ich wünsche stärker als alle Erfahrungen „niemandes Kind zu sein“ – jedem persönlich familiäre Weihnachten mit Eltern, Geschwistern, Enkeln – und auch alleine mit Gott, dem Vater.

Und ich wünsche dieses heimatstiftende Weihnachten jedem gemeinsam mit allen Menschen – universell mit allen Geschöpfen.

Etwas von dieser universellen Verbundenheit war spürbar, als vor zwei Samstagen in Paris 196 Staaten der Welt beim Weltklimagipfel ein gemeinsames Abkommen gelungen ist. Papst Franziskus hatte dafür im Mai seine Enzyklika Laudato sii – über die gemeinsame Sorge für das gemeinsame Haus geschrieben. Er hat mit Jesus und Franziskus angeknüpft beim tiefen Wissen um und Glauben an die eine Menschheitsfamilie in Gott, ja um die tiefe Verbundenheit und Würde aller Geschöpfe von Gott her und auf ihn hin! Vor dieser Erfahrung wirkt es so beschämend, wenn wir in Tirol anfangen über Obergrenzen für Flüchtlinge zu diskutieren, bevor wir nicht einmal die Untergrenze der Aufnahme erreicht haben. Diese heimatstiftende Kraft ist für mich heuer so stark spürbar in Leisach, wo so viele Menschen dafür gearbeitet haben, dass zwei Flüchtlingsfamilien Herberge gefunden haben im Pfarrhaus, – war spürbar überall wo Flüchtlinge in ehrenamtlichen Deutschkursen, bei Weihnachtsfeiern, Einladungen, und durch viele Spender wie z. B. bei Bruder und Schwester in Not, … erfahren können, dass wir eine Menschheitsfamilie sind. Danke allen! Gesegnetes Weihnachten ganz persönlich und universell als Gottes geliebte Töchter und Söhne. Amen!

Bernhard Kranebitter, Pfr.

Allerheiligenpredigt 2015

Allerheiligen 01.11.2015

Predigt:

Zum Fest Allerheiligen passt es, wenn wir uns die Frage stellen: „Können wir noch heilig werden?“    Wir alle 50+: Können wir noch heilig werden, wenn es uns bisher schon in über der Hälfte unserer Lebensjahre noch nicht so recht gelungen ist? Oder könnte es uns gerade noch gelingen, weil wir merken: so viel Zeit haben wir gar nicht mehr dafür?

Könnt ihr noch heilig werden, ihr Jüngeren? Oder am ehesten noch ihr Ministranten: ihr seid jung: Ihr könnt doch noch Heilige werden? Oder?

Karl Rahner, Jesuit Theologieprofessor hat diese Frage 15 Jahre nach seiner Priesterweihe bei einem Vortrag seinen Weihekollegen gestellt. Seine Antwort damals darauf: „Wir sind nicht heilig geworden.“ Und seine Begründung. „Nicht weil wir keine Wunder gewirkt und keine Völker bekehrt und den unerbittlichen Strom der Geschichte der Welt nicht in ein anderes Bett geleitet haben.“ – Und Wir: „Nicht weil wir so wenig Frieden gestiftet haben und zu wenig Notleidenden geholfen haben.“

Wir sind nicht heilig geworden, meint Rahner, „weil wir Gott nicht geliebt haben, wie es ihm gebührt, aus ganzem Herzen und aus allen Kräften. Man kann doch darauf nicht verzichten, man kann doch hierin nicht bescheiden sein.“

Wir, die wir nicht heilig geworden sind, sind tatsächlich zu „bescheiden“. Zu bescheiden in der Liebe zu unserem Gott. Das habe ich mir jetzt gedacht, als ich einen Bericht über die heurige Shell-Jugendstudie gelesen habe. Sie hat erhoben, dass für den durchschnittlichen Jugendliche zwischen 12 und 25 im Deutschsprachigen Raum die Wichtigkeit des Glaubens an Gott für die eigene Lebensführung seit langer Zeit weiter abnimmt. – Das gilt allen Untersuchungen nach auch für die Erwachsenen. – Auch die Zahl der Jugendlichen, die täglich oder zumindest einmal in der Woche beten ist auf 20 Prozent zurückgegangen. Im Vergleich dazu die muslimischen Jugendlichen: Die angeben täglich oder mindestens einmal in der Woche zu beten machen bei ihnen 50% aus, prozentuell 2 ½ mal so viel wie die mehrheitlich christlichen. Wenn wir im noch mehrheitliche christlichen Europa prozentuell nur 40% so oft beten wie die Muslime in Europa: heißt das dann wahrscheinlich, dass wir im Beten und in der Liebe zu Gott schon sehr bescheiden geworden sind, selten lebendig eintauchen in den Heiligen Gott.

Dazu wird auch eine zweite Frage in diesen Tagen so spannend. In einem Gedicht von Maria Luise Kaschnitz wird sie der Dichterin so gestellt: „Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode?“ Da geht es uns ganz unterschiedlich an den Gräbern unserer lieben und schwierigen Angehörigen. Maria Luise Kaschnitz:

Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wusste ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber

Aussehen sollte

Dort/

Ich wusste nur eines/ Keine Hierarchie/ Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend/ Kein Niedersturz/ Verdammter Seelen/Nur/

Nur Liebe frei geworden

Niemals aufgezehrte

Mich überflutende/

… Liebkosung schöne Bewegung

… Komm du komm

… Und deine Hand

Wieder in meiner

… Deine Stimme empfängt mich

Entlässt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die

Frager

Erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Und ich antworte weniger nicht.

(M.L. Kaschnitz)

Bernhard Kranebitter, Pfr.

Familiensynode und Kommunionempfang

Familiensynode und Kommunionempfang

Die Familiensynode wünscht eine „vollere Teilnahme am Leben der Kirche“ von geschieden-wiederverheirateten Paaren (Art. 84 – 86). Sie lädt diese Paare ein, sich in ihrem Gewissen zu prüfen, wie sie die Verantwortung gegenüber dem Partner und den Kindern der kirchlichen Ehe wahrgenommen haben und wahrnehmen, und wie sie ihre Verantwortung in der neuen Partnerschaft und Familie in der Kraft des Glaubens übernehmen. Dieser Weg der „Unterscheidung“ soll in einem Gespräch von einem Seelsorger begleitet werden, für den die Integration des Paares und Gerechtigkeit im Einzelfall das Ziel ist.

Deshalb lade ich wie schon bisher alle Paare, die wieder zur Kommunion gehen möchten, herzlich ein, mit mir oder anderen Seelsorgern oder Seelsorgerinnen für ein Gespräch Kontakt aufzunehmen. Ebenso eingeladen sind Paare in anderen Situationen, wie zum Beispiel gleichgeschlechtlich liebende Menschen.

Ich danke allen, die zu solchen Wegen auch in unsere Pfarr-Familiensynode ermutigt haben. Papst Franziskus sagte bei der Schlussansprache: „Die Synode hat uns verstehen lassen, dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht die sind, die den Buchstaben, sondern die den Geist verteidigen; nicht die Ideen, sondern den Menschen; nicht die Formeln sondern die Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes und seines Verzeihens.“ Ich bin gespannt, wie der Papst mit dem Ergebnis der Synode umgehen wird.

Bernhard Kranebitter, Pfarrer

Predigt 30. Stg B Familiensynode II

  1. Sonntag B, 25.10.2015

Und Jesus fragte den blinden Bartimäus: „Was soll ich dir tun?“

Jesus fragt auch dich und mich: „Was soll ich dir tun?“ – was würde ich, was würdest du jetzt antworten?

Ich würde heute fast wie Bartimäus sagen: „Ich möchte besser sehen können!“ Die richtige Perspektive in meinem Sehen haben, wo ich nicht weiß, wie es weitergehen soll.

In den vergangene 3 Wochen haben viele gebetet, dass die Bischofssynode in Rom zu Ehe und Familie das Richtige sieht, die rechte Perspektive einnimmt.

Gestern Abend wurde der Schlussbericht veröffentlichet dem Papst zur entscheidenden Endredaktion übergeben.

In den Diskussionen der Synode hat der eine oder andere Perspektivenwechsel stattgefunden, hat auch so etwas wie die Heilung von kirchlichen Seh-schwächen und Sehstörungen begonnen.

War die offizielle kirchliche Lehre mit ihren Normen bisher in der Bewertung oft fixiert auf sexuelle Akte, wurde mehr die Perspektive auf die Qualität einer Beziehung gerichtet: dann hängt die Einschätzung nicht zuerst davon ab, ob junge und nicht verheiratet Paare, Geschieden Wiederverheiratete, homosexuell liebend Paare ihre Beziehung auch sexuell leben, sondern zuerst inwieweit sie in ihrer Beziehung Liebe, Ehrlichkeit, Verantwortung und Treue leben.

Hat man bisher mehr defizit-orientiert geschaut, was da sündhaft nicht dem Ideal der christlichen Ehe entspricht, hat man um eine Perspektive gerungen positiv anzuerkennen, welche christlichen Werte im Prozess einer liebenden Beziehung in ihrem Wachstum Stufe für Stufe auf die Ehe hin verwirklicht werden.

Papst Franziskus erinnert immer wieder daran, dass Sakramente nicht zuerst Belohnung für gutes Verhalten sind, sondern Heilmittel in unserer menschlichen Schwachheit und Verwundbarkeit.

So ist auch Jesus nicht zuerst der oberste Hüter der Moral ist, sondern der, der die in der Gesellschaft Ausgegrenzten wieder hereingeholt und gänzlich bis zur Tischgemeinschaft mit ihm und allen integriert hat.

Papst Franziskus hat vor einer Woche aufgezeigt, dass für die Kirche nicht zuerst der Papst das Wichtigste ist, sondern eine synodale, geschwisterliche Struktur auf allen Ebenen. Gegen die Meinung, dass das Befolgung von Regeln die Rettung brächte betonte der Papst, dass die zentrale wahre Lehre, an der man festhalten muss, die sei: die bedingungslos angebotene Liebe Gottes.

Ehe ist nicht zuerst eine äußere, institutionelle Verpflichtung, sondern der Ausdruck der innersten persönlichsten Selbstbestimmung der eigenen Freiheit und Liebe zu einer Lebensgemeinschaft ohne Widerruf.

Die Bischöfe aus Syrien haben durchaus gemeint, eure Probleme in Europa hätten wir gerne; wir suchen Perspektiven für die durch Flucht, Konflikte und Krieg getrennten christlichen Familien und aller Familien in unserem Land.

Der Schlusstext war gestern Abend nur in einer Arbeitsübersetzung zu lesen. Darin ist zwar nicht die von den deutschsprachigen Bischöfen eingebrachten Entschuldigungsbitte dafür enthalten, dass die Seelsorge durch „harte und unbarmherzige Haltung oft Leid gebracht habe … insbesondere über ledige Mütter und unehelich geborene Kinder, Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, homosexuell orientierte Menschen und Geschiedene und Wiederverheiratete.“

Der Text für den Papst spricht aber von einer „volleren Teilnahme der Geschieden Wiederverheiraten.“ Das erste Mal schließt dieses Synodendokument den Empfang des Sakramentes der Versöhnung und der Eucharistie, also die Kommunion aus. Die Entscheidung darüber hat die Synode nicht selbst gefällt sondern dem seelsorglichen Gespräch eines Paares mit dem Priester überlassen. Die Synode gibt dafür hilfreiche Kriterien mit dem Blick auf die erste Ehe und auf die neue Partnerschaft und vertraut auf die Unterscheidungsgabe und das Gewissen der Gesprächspartner. Damit macht sie den Weg frei für den Weg für eine Zulassung zu den Sakramenten, wie er im pastoralen Gespräch in unserem Seelsorgeraum und in unserer Diözese schon seit einiger Zeit möglich ist.

Papst Franziskus hat auch angekündigt, dass es in Zukunft mehr Entscheidungen auf der kontinentalen Ebene von Bischofskonferenzen und Kulturkreisen brauchen werde.

Alt-Bischof Reinhold Stecher hat davon gesprochen, dass „Mutter Kirche“ eine alte Dame sei, und dass solche Damen sich nicht rasch zu bewegen pflegen. Bei der Familiensynode hat sich diese Dame gerade so weit bewegt, als es mindestens notwendig war. Dafür dürfen wir heute dankbar sein und wissen, dass es noch vieler Bewegung in der Kraft des Evangeliums braucht. Amen

Bernhard Kranebitter, Pfr.

 

30. Stg B, am 24.10.15, Predigt zur Bischofssynode

Predigt: (Heilung des blinden Bartimäus   Mk 10,46-52)

Und Jesus fragte den blinden Bartimäus: „Was soll ich dir tun?“

Jesus fragt auch dich und mich: „Was soll ich dir tun?“ – was würde ich, was würdest du jetzt antworten?

Ich würde heute fast wie Bartimäus sagen: „Ich möchte sehen können!“ Die richtige Perspektive in meinem Sehen haben, wo ich nicht weiß, wie es weitergehen soll.

In den vergangene 3 Wochen haben viele gebetet, dass die Bischofssynode in Rom zu Ehe und Familie das richtig sieht, die rechte Perspektive einnimmt.

Noch sind die Ergebnisse nicht bekannt. Über die 94 Punkte des Schlussberichtes wurde heute Nachmittag abgestimmt. Er wird heute Abend veröffentlichet und wurde dem Papst zur entscheidenden Endredaktion übergeben.

In den Diskussionen der Synode hat der eine oder andere Perspektivenwechsel stattgefunden, hat auch so etwas wie die Heilung von kirchlichen Sehstörungen begonnen.

War die offizielle kirchliche Lehre mit ihren Normen bisher in der Bewertung oft fixiert auf sexuelle Akte, wurde mehr die Perspektive auf die Qualität einer Beziehung gerichtet: dann hängt die Einschätzung nicht zuerst davon ab, ob junge und nicht verheiratet Paare, Geschieden Wiederverheiratete, homosexuell liebend Paare ihre Beziehung auch sexuell leben, sondern zuerst inwieweit sie in ihrer Beziehung Liebe, Ehrlichkeit, Verantwortung und Treue leben.

Hat man bisher mehr defizitorientiert geschaut, was da sündhaft nicht dem Ideal der christlichen Ehe entspricht, hat man um eine Perspektive gerungen positiv anzuerkennen, welche christlichen Werte im Prozess einer liebenden Beziehung in ihrem Wachstum Stufe für Stufe auf die Ehe hin verwirklicht werden.

Papst Franziskus erinnert immer wieder daran, dass Sakramente nicht zuerst Belohnung für gutes Verhalten sind, sondern Heilmittel in unserer menschlichen Verwundbarkeit.

So ist auch Jesus nicht zuerst der oberste Hüter der Moral ist, sondern der, der die in der Gesellschaft Ausgegrenzten wieder hereingeholt und gänzlich bis zu Tischgemeinschaft mit ihnen integriert hat.

Papst Franziskus hat vor einer Woche aufgezeigt, dass für die Kirche nicht zuerst der Papst das Wichtigste ist, sondern eine synodale, geschwisterliche Struktur auf allen Ebenen. Gegen die Meinung, dass das Befolgung von Regeln die Rettung brächte betonte der Papst, dass die zentrale wahre Lehre die sei: die bedingungslos angebotene Liebe Gottes.

Ehe ist nicht zuerst eine äußere, institutionelle Verpflichtung, sondern der Ausdruck der innersten persönlichsten Selbstbestimmung der eigenen Freiheit zu einer Lebensgemeinschaft ohne Widerruf.

Die Bischöfe aus Syrien haben durchaus gemeint, eure Probleme in Europa hätten wir gerne; wir suchen Perspektiven für die durch Flucht, Konflikte und Krieg getrennten christlichen Familien und aller Familien in unserem Land.

Die konkreten Ergebnisse der Synode sind noch nicht bekannt. Es wird wahrscheinlich nicht zu der von den Deutschsprachigen Bischöfen eingebrachten Entschuldigung kommen, dass die Seelsorge durch „harte und unbarmherzige Haltung oft Leid gebracht habe … insbesondere über ledige Mütter und unehelich geborene Kinder, Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, homosexuell orientierte Menschen und Geschiedene und Wiederverheiratete.“ Auf die Angesprochenen heilsamen Perspektivenwechsel gab es während der Synode auch starke Widerstände anderen Sichtweisen. Wir beten und bitten weiter: Herr, lass die Ergebnisse der Synode kirchliche Sehschwächen und Sehstörungen überwinden. Gib die richtigen praktischen, evangeliumsgemäßen Öffnungen auch offiziell beim Empfang der Sakramente, dass sie nicht nur parktisch in unseren Gemeinden gelebt wird.

Für uns ist es immer heilsam im Gottesdienst, im Blick auf das Evangelium und im Beten zu versuchen mit Gottes liebevollen Augen zu sehen. Er, der in allen wohnt, schaut auch mit den Augen aller Menschen auf dieses Leben. So heile er uns von Sehschwäche, Sehstörungen, von den falschen Sichtweisen und Perspektiven! Amen

Bernhard Kranebitter, Pfr.

„Kirche hört zu“ – Was Liebende ihr zu sagen haben. Eine Pfarr-Familiensynode.

Eine Pfarr-Familiensynode in der Langen Nacht der Kirchen, am 29.05.2015

BriefandieRömerBischofManfred_Min

Zusammenfassung der Stellungnahmen und deren Übergabe als „Brief an die Römer“ für die Welt-Familiensynode im Herbst an Bischof Dr. Manfred Scheuer.

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